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Ratgeber · Einstieg

Fertigungs­wissen sichern beim Generations­wechsel

Dr. Sven Bachthaler, Bachthaler IT · Zuletzt aktualisiert:
Kurz gesagt

Beim Generationswechsel verlieren Fertigungsbetriebe vor allem Wissen, das nirgends aufgeschrieben ist: wie ein Teil gespannt wird, welche Zeiten realistisch sind, welcher Kunde was erwartet. Am zuverlässigsten wird es gesichert, wenn es beim Arbeiten direkt am Artikel gespeichert wird, als Hinweis, Foto oder tatsächliche Zeit je Arbeitsgang. Je früher damit begonnen wird, desto mehr bleibt erhalten.

In vielen kleinen Fertigungsbetrieben steckt ein großer Teil des Kapitals nicht in den Maschinen, sondern in den Köpfen. Der Meister weiß, wie das schwierige Drehteil für einen bestimmten Kunden gespannt werden muss. Der Inhaber weiß, welche Zeiten realistisch sind und welcher Kunde welche Toleranzen wirklich braucht. Geht einer von ihnen in den Ruhestand, geht dieses Wissen mit.

Die Größenordnung

Nach Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn stehen in den Jahren 2026 bis 2030 deutschlandweit rund 186.000 Unternehmen zur Übergabe an. Dazu kommen die vielen Betriebe, in denen nicht der Inhaber, sondern ein langjähriger Mitarbeiter mit Schlüsselwissen in Rente geht. In beiden Fällen ist die Frage dieselbe: Was davon steht irgendwo, und was nur im Kopf?

Welches Wissen verloren geht

Fertigungswissen lässt sich grob in drei Arten einteilen:

Art Beispiele Wo es heute oft steckt
Teilewissen Spannlage, Werkzeugwahl, Reihenfolge der Arbeitsgänge, Kniffe bei schwierigen Konturen im Kopf des Facharbeiters, auf Zetteln an der Maschine
Zeitwissen realistische Rüst- und Stückzeiten, Erfahrungswerte für Angebote im Kopf des Inhabers, in alten Excel-Kalkulationen
Kundenwissen besondere Anforderungen, Prüfmerkmale, Verpackung, Ansprechpartner in E-Mails, im Gedächtnis

Am schwierigsten zu ersetzen ist das Teile- und Zeitwissen. Kundenwissen lässt sich in Gesprächen übergeben; wie ein bestimmtes Teil vor drei Jahren gefertigt wurde, erinnert niemand mehr im Detail.

Warum Handbücher selten funktionieren

Der klassische Ansatz ist, erfahrene Mitarbeiter zu bitten, ihr Wissen aufzuschreiben. Das scheitert meist aus zwei Gründen: Es kostet Zeit, die im Tagesgeschäft fehlt, und vieles fällt einem erst ein, wenn man vor dem Teil steht. Ein Handbuch beschreibt Abläufe, nicht die hundert Besonderheiten einzelner Artikel.

Wissen dort speichern, wo es entsteht

Wirksamer ist, Wissen beim Arbeiten festzuhalten und mit dem Artikel zu verbinden, sodass es bei der nächsten Fertigung automatisch wieder erscheint:

  • Hinweise je Arbeitsgang: „Spannbacken mit Kupferauflage, sonst Abdrücke“ steht direkt beim Arbeitsschritt, angelegt vom Werker oder als Tipp aus der Arbeitsvorbereitung.
  • Fotos und Videos: Eine Aufnahme der Aufspannung sagt mehr als eine Beschreibung. Wichtig ist, dass sie ohne Umweg am richtigen Artikel landet.
  • Tatsächliche Zeiten: Werden die Zeiten je Arbeitsgang erfasst, sieht der Nachfolger beim Wiederholteil, wie lange es beim letzten Mal wirklich gedauert hat.
  • Zeichnungen und CAM-Daten: Sie liegen in einer festen Ordnerstruktur, die zum Artikel gehört, statt verteilt auf persönliche Laufwerke.

So entsteht über die Jahre ein Wissensbestand, ohne dass jemand eigens dafür schreibt.

Ein Fahrplan für die Übergabe

  1. Wissensträger benennen. Wer weiß was, das sonst niemand weiß?
  2. Wichtige Artikel auswählen. Die Teile, die regelmäßig wiederkommen oder besonders schwierig sind, zuerst.
  3. Erfassen im Alltag beginnen. Hinweise, Fotos und Zeiten bei jeder Fertigung dieser Artikel.
  4. Nachfolger früh einbinden. Der Nachfolger fertigt die Teile, der Erfahrene ergänzt am Arbeitsplatz, was fehlt.
  5. Kalkulationsgrundlagen sichern. Vorgabezeiten aus der Nachkalkulation bilden die Basis für künftige Angebote. Wie das geht, beschreibt der Ratgeber Nachkalkulation in der Einzelteilfertigung.

Wie bIT 4.0 Fertigungswissen festhält

In bIT 4.0 ist die Zeichnung am Artikel abgelegt, Hinweise und Bilder hängen am jeweiligen Arbeitsschritt. Fotos und Videos aus der Android-App landen automatisch beim richtigen Artikel, und bei Wiederholteilen ist je Arbeitsschritt sichtbar, wie viel Zeit beim letzten Mal tatsächlich gebraucht wurde.

Häufige Fragen

Wann sollte ich anfangen, Wissen für die Nachfolge zu sichern?

Möglichst Jahre vor der Übergabe. Wissen entsteht bei jedem Auftrag; wer es erst kurz vor dem Ruhestand eines Mitarbeiters aufschreiben will, erinnert sich nur an einen Bruchteil.

Reicht ein Handbuch mit Arbeitsanweisungen?

Für Grundabläufe ja. Das meiste Fertigungswissen ist aber teilbezogen: wie genau dieses Teil gespannt wird oder warum beim letzten Mal ein Arbeitsgang länger gedauert hat. Solches Wissen gehört an den Artikel, nicht in ein Handbuch.

Wie viele Unternehmen stehen vor einer Nachfolge?

Nach Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn stehen 2026 bis 2030 deutschlandweit rund 186.000 Unternehmen zur Übergabe an.

Wie motiviere ich erfahrene Mitarbeiter, ihr Wissen zu teilen?

Indem es keinen Zusatzaufwand bedeutet. Ein kurzer Hinweis oder ein Foto direkt am Arbeitsplatz, das beim nächsten Mal automatisch wieder erscheint, wird eher genutzt als ein Dokument, das nachträglich geschrieben werden muss.

Quellen

Wie sähe das bei Ihnen aus?

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